Rückblick auf das Jahr 2016 (5776/5777)
und Ausblick auf das Jahr 2017 (5777/5778)

in der Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum

                  

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Centrum Judaicum, 

„Tuet auf die Pforten” fordert seit 1866, also genau 150 Jahren, die hebräische Inschrift über den Portalen der Neuen Synagoge. „Tuet auf die Pforten“ ist gleichzeitig der Name der Dauerausstellung, die sie beherbergt. Am 11. September 2016 haben wir diese Aufforderung anlässlich des 150. Jahrestages der Einweihung der Neuen Synagoge wörtlich genommen und alle Portale weit geöffnet. Mehr als 4.000 Besucherinnen und Besucher aus dem In- und Ausland kamen zu unserer Jubiläumsveranstaltung mit Konzerten, Lesungen, Filmdarbietungen, Workshops und Führungsangeboten sowie einer neuen Ausstellung zur Geschichte der Neuen Synagoge. Die Oranienburger Straße wurde im Bereich der Neuen Synagoge zur Flaniermeile, da sie für den regulären Verkehr extra gesperrt war; im Haus konnte man sonst nicht zugängliche Gebäudeteile entdecken und eine einzigartige Atmosphäre genießen. 

Unsere temporären Ausstellungen setzten auch 2016 die Tradition fort, gerade weniger bekannte jüdische Persönlichkeiten und Biographien ins Rampenlicht zu rücken. Die Ausstellung über „Chaim Heinz Fenchel (1906-1988) abgedreht! Bühnenwelten-Lebenswelten, die bis Mai 2016 zu sehen war, zeigte das Werk des in der Weimarer Republik erfolgreichen Filmset-Designers, der gezwungen war, Berlin zu verlassen und sich beruflich neu zu orientieren. Ab 1937 schuf er in Palästina Kaffeehäuser, Bars und elegante Geschäftshäuser für die aufblühende Metropole Tel Aviv. Eva Kemlein (1909-2004), die die Nazizeit als Jüdin versteckt in Berlin überstanden hatte, prägte als Fotojournalistin das Gedächtnis der Nachkriegszeit. Als Grenzgängerin zwischen den Welten lebte die überzeugte Kommunistin in ihrem West-Berliner Kiez und fotografierte in Ost-Berlin, später in beiden Teilen der Stadt. Die Ausstellung Berlin lebt auf!  Die Fotojournalistin Eva Kemlein (1909-2004) wird noch bis zum 30. April 2017 im Centrum Judaicum zu sehen sein. Die Ausstellung „Momente einer einzigartigen Beziehung. 50 Jahre Deutschland und Israel“, die 2015 im Centrum Judaicum, im Auswärtigen Amt sowie im Bundespresseamt zu sehen war, wurde von Dezember 2015 bis Januar 2016 in abgeänderter Version im Ben Zvi Institute in Jerusalem gezeigt. Zu der Ausstellung ist ein dreisprachiger Katalog (Deutsch/Englisch/Hebräisch) publiziert worden. Auch zu den Ausstellungen über Chaim Heinz Fenchel und Eva Kemlein sind Publikationen erschienen.

Annähernd unbekannt ist heute José Arturo Castellanos (1893-1977), durch dessen Einsatz als Diplomat El Salvadors tausende Juden während der Shoah gerettet werden konnten. Seine Enkel Alvaro und Boris Castellanos machten sich auf die Spuren ihres Großvaters. Es entstand der Film „The Rescue“, der im Mai und Juni im Centrum Judaicum zu sehen war. „The Rescue“ regt zu Reflektionen über persönliches Tun und Handlungsspielräume an und ist ebenso die höchst individuelle Perspektive einer nachfolgenden Generation.

Die von Alexander Ochs kuratierte Ausstellung Sein.Antlitz.Körper. The Repetition of the Good. The Repetition of the Bad war von Juli bis Anfang September im Centrum Judaicum zu Gast. Zu sehen waren Werke von Künstlerinnen und Künstler, die Rituale, Religionen und deren Traditionen reflektieren.

Immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der Shoah können von ihren Erlebnissen berichten. Umso wichtiger ist es, ihre Lebensgeschichten nach wie vor zu hören. Dies ist auch ein wichtiges Anliegen unserer Veranstaltungen, die sich ansonsten in thematisch diverse Buchvorstellungen und Lesungen, Vortragsveranstaltungen und Podiumsgespräche auffächerten. Hervorgehoben sei aus einer Vielzahl der Angebote der Abend über Dimitrij Belkins viel beachtete Neuerscheinung „Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde“, die eine persönliche Erzählung eines ehemaligen Migranten aus der Ex-UdSSR mit Reflektionen für deutsches Judentum heute verknüpft.

Unser Archiv, eines der bedeutendsten zur deutsch-jüdischen Geschichte, wird jedes Jahr von Familienforschern aus aller Welt, Wissenschaftlern, Lokalhistorikern sowie für Gedenkprojekte, z.B. die Verlegung von Stolpersteinen, und zur Klärung von Nachlässen frequentiert. Im Jahr 2016 wurden rund 1.000 überwiegend schriftliche Anfragen beantwortet und 176 Archivbenutzer vor Ort betreut. Ein herausragendes Forschungsthema hierbei ist die Geschichte der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Zeit nach 1945 und generell die Geschichte der Juden in der DDR und der Bundesrepublik Deutschland in der Nachkriegszeit. Auch im Jahr 2016 gab es eine Vielzahl an Neuzugängen von Dokumenten in unserem Archiv, darunter zum Beispiel die Familienpapiere von Hellmut Wreschner

Seit Ende 2011 hat das Centrum Judaicum ein Projekt zur Provenienzforschung und war damit eine der ersten Einrichtungen in Berlin, die ihren Bibliotheksbestand auf NS-Raubgut untersuchten. Im Jahr 2016 konnten 400 Exemplare dokumentiert und in die Datenbank (Looted Cultural Assets) eingearbeitet werden. Parallel dazu restituierte das Centrum Judaicum 53 Werke an Erben oder Erbgemeinschaften in Israel, den USA und Australien.

Unser Museum konnte 2016 etwa 90.000 Besucherinnen und Besucher verzeichnen; Audio-Guides für unsere Dauerausstellung bieten wir seit diesem Jahr in nunmehr 14 Sprachen an. 2017 wird der Fokus auf der Überarbeitung unserer Dauerausstellung liegen, deren Neueröffnung für 2018 geplant ist. Für die neue Dauerausstellung konnten wir in diesem Jahr ein kleines Juwel erwerben: ein Gemälde von Lesser Ury (1861-1931), das einen jüdischen Versammlungssaal, vielleicht eine Synagoge im Berlin der 1920er Jahre, zeigt.

Die offenen Portale, die wir am 11. September zelebrierten, waren ein Motto des Tages, das andere der Titel der neuen Open-Air Ausstellung über die 150jährige Geschichte der Neuen Synagoge:„Mittenmang & Tolerant“Dies charakterisiert die Neue Synagoge als ein einzigartiges Zeugnis und Symbol deutschen und Berliner Judentums, das selbstbewusst seine Tradition pflegte und eine in Kaiserreich und Weimarer Republik pluralistischer und liberaler werdende Gesellschaft mitprägte. Der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum ist dies Vermächtnis und Auftrag. 

Ein kleiner Ausblick auf 2017:

Die Ausstellung „Mittenmang & Tolerant“ wird noch bis zum 1. September 2017 vor den Portalen der Neuen Synagoge zu sehen sein; die Ausstellung über Eva Kemlein bis zum 30. April.
Im Jahr 2017 werden wir uns unter anderem Berliner jüdischen Dichterinnen widmen. So erinnerten wir bereits im Januar mit der musikalischen Veranstaltung „Sprachmusik: Kompositionen nach Gedichten von Nelly Sachs“ (1891-1970) anlässlich ihres 125. Geburtstages an die jüdische Lyrikerin und Nobelträgerin. In der Jahresmitte, am 20. Juni, bringen wir mit dem Bewegtbildtheater „Die Frau und die Stadt“ ein Theaterstück über eine Nacht im Leben von Gertrud Kolmar (1894-1943) auf die Bühne.

Weitere Termine sind:


29. Januar - "Berlin sagt Danke" Wir öffnen unser Museum bei freiem Eintritt.

27. Februar - Das Centrum Judaicum ist Mitorganisator der Veranstaltung in Gedenken an
den Protest in der Rosenstraße.

28. Februar - In Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin findet eine Vorführung des Palästina-Films Shiwath Zion von 1920 mit anschließender Diskussion statt.

7. März - Wir laden zu einer Kuratorenführung in der Ausstellung über Eva Kemlein ein.

Wir freuen uns auf Sie und bedanken uns sehr herzlich bei unseren Förderern, Unterstützern und Kooperationspartnern.

 
Das Team der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

 

 

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